Jul 01

Upgrade

Download PDF

Nachdem ich mein persönliches “Upgrade” nach drei harten Jahren fast abgeschlossen habe, ist auch bei meinem Blog eine technische, optische und inhaltliche Revision fällig.
Die Abenteuer meines Frau-Werdens – körperlich und sozial – sind überstanden. Transsexuell-Sein als Lebensinhalt war einmal. Der Alltag hat mich wieder, erstmal als Mensch, dann als Frau und ganz zuletzt, mit inzwischen bemerkenswert wenig Relevanz, als Transsexuelle. Jetzt heisst das Abenteuer: Frau-Sein. Aber auch das bietet Überraschungen, und mit “Ich probier noch rum” kann ich mich immer weniger glaubhaft rausreden.

In den nächsten Tagen werde ich mein Blog auf den neuesten Stand bringen. Grüner wird es werden, politischer, engagierter, Plattform für meine Arbeit, auch als hoffentlich zukünftige Sprecherin der LAG Queer der Grünen NRW. Denn während meine eigene Transidentität an Bedeutung verliert, wächst mein Interesse an ihr als redaktionellem und gesellschaftlichem Thema.
Auf die legendäre “Fünf-Minuten-Installation” von WordPress 3.0 freu ich mich schon. Der erste Versuch hat mir jedenfalls einen Totalcrash meiner Web-Site beschert…

Stay tuned!

PS:
Nix da mit WordPress 3.0: meine 1&1-mySQL-Datenbank hat die falsche Version.

Status-Update

Download PDF

Für eine nicht mal zehnminütige Untersuchung bin ich also nach München gefahren. Aber der Chirurg wollte nun mal sicherheitshalber höchstselbst das Ergebnis seiner OP kontrollieren, und nach meinen bisherigen Erfahrungen war mir das durchaus Recht. (mehr…)

Mai 20

Jahrestag…

Download PDF

Jetzt ist es tatsächlich schon ein Jahr her. Heute vor exakt zwölf Monaten hab ich ziemlich genau um diese Uhrzeit mit Tränen in den Augen an die Decke des Blauen Zimmers (die Aufwachstation der Uniklinik Essen) geschaut und erstmals mit klarem Bewusstsein festgestellt, dass ich es tatsächlich getan hab. Schade, dass man dann so mit seinen Schmerzen beschäftigt ist, dass die Großartigkeit dieses Moments völlig untergeht.

Gestern Abend war es Zeit für einen Rückblick auf ein unglaublich spannendes Jahr, mit extremen Tiefen (die schlimmen Wintermonate mit meinem Harnröhrenproblem), den körperlichen Anstrengungen (ehrlich, die Dehnerei ist im Moment so mühsam wie am Anfang) und extremen Höhen: meiner neuen Beziehung mit diesem wundervollen jungen Mann. Ich hab völlig vergessen zu erwähnen, dass er mir vorletzten Sonntag den Verlobungsring geschenkt hat, den ich mit unglaublichem Stolz trage.

Inzwischen ist fast alles verheilt. Ich habe sogar wieder angefangen, Sport zu treiben. Mein Ziel: im Lauf der nächsten 12 Monate fit genug zu werden, um wenigstens einen Halb-Triathlon durchzuhalten. Morgen gehts nach München, und ich hoffe, dass der Dr. Liedl zufrieden sein wird mit dem, was er da sieht. Ein wenig eng isses wieder geworden, ich hoffe, das muss nicht nochmal operiert werden. Aber sonst: ich fühl mich großartig und freu mich auf ein Wochenende mit Biergarten- und Bergwetter.
Ich nehm mein Zelt mit, warm genug wirds ja zum Campen. Wenn alles läuft wie geplant, besuch ich Samstag meinen Bruder, und am Sonntag gehts auf die Benediktenwand, oder zumindest zur Tutzinger Hütte. Ich freu mich wahnsinnig auf diesen Kurzurlaub im Voralpenland :)

Mai 10

Schwarzer Block, rote Fahnen, heisse Luft

Download PDF

Aktionstag zum 8. Mai 2010Samstag, 8. Mai, mitten in Euskirchen weht die Flagge der Sowjetunion. Eine kleine Gruppe von etwa 60 Jugendlichen feiert den “Tag der Befreiung”. Vom Sieg über die Nazidiktatur ist in kurzen Ansprachen die Rede, vom Ende der Naziverbrechen, der Kapitulation des Dritten Reiches. Ein weiß-blauer Davidstern, rote Fahnen der Linken und der “Antifaschistischen Aktion”, dazwischen der verloren wirkende Igel der grünen Jugend, überhaupt, auf den ersten Blick alles eher alternative Jugendkultur als die steineschmeissende Randale, gegen die die Stadt wie bei solchen Anlässen heutzutage üblich auffällig zahlreich Bundespolizei angefordert hatte.
Passanten bleiben kurz stehen. Für die provinzielle Stadt in der Voreifel ist das eine ungewohnte Szenerie. Die zum Teil schwarz vermummten Jugendlichen wirken trotz des friedlichen Ablaufs zu verstörend, um noch Raum für die eigentlich beabsichtigte Verstörung über den Anlass der Kundgebung zu lassen. “Let’s push things forward” und “Keine Homezone für Nazis!” – den meisten Menschen in der Euskirchner Fußgängerzone erschließt sich die Botschaft der Transparente nur schwer. Irgendwas gegen Rechts, doch so bleibt spontane Anteilnahme die Ausnahme. Rechtsradikale in Euskirchen werden als ernstes Problem bisher ohnehin kaum wahrgenommen, da lässt man sich bei so einem Sonnenschein auch nicht den ersten Eisdielenbesuch des Jahres mit müßigen Gedanken zum Jahrestag der deutschen Kapitulation verderben. Ob die Alliierten und allen voran die Rote Armee nicht doch gekommen sind, um die Deutschen und ihre Opfer vom Terror des Nationalsozialismus zu befreien, statt endgültig den gnadenlosesten Agressor der jüngeren Weltgeschichte und dazu nebenbei ganz in der chauvinistischen Tradition des frühen 20. Jahrhunderts die Machtbereiche in Europa neu abzustecken – wen interessiert das noch? Am Ende kamen doch statt der Morgenthau’schen Totaldemontage einer Industrienation im Westen Marshall-Plan, Wirtschaftswunder und eine bei allen Schwächen vorläufig noch funktionierende Demokratie. So what?

Als einer der Redner “gegen Rechts, für den Kommunismus!” ruft, ist es aber auch mit meiner Sympathie endgültig vorbei. Grüne haben die Veranstaltung ganz offiziell mitorganisiert, doch ab hier kann ich – gerade als als Grüne – nicht mehr guten Gewissens folgen. Wie der Kommunismus, besonders unter der Flagge der Sowjetunion, mit Pazifismus, Demokratie und Menschenrechten vereinbar sein soll, erschliesst sich wohl nur den jungen Leuten vom Schwarzen Block. Natürlich muss man den Blutzoll der russischen Bevölkerung und der Sowjet-Armee im Kampf gegen Nazideutschland anerkennen – aber darf man Stalin, selbst einer der skrupellosesten Massenmörder und Diktatoren des letzten Jahrhunderts, tatsächlich als Befreier feiern? Die Antifa hat damit nichts mehr übriggelassen von dem breiten Schulterschluss aller demokratischen gesellschaftlichen Gruppen, der als deutliche Mahnung gegen Rassismus, Menschenverachtung und Nazitum geplant war. Dabei wäre genau dieser Schulterschluss ein mächtiges Zeichen gegen den braunen Ungeist gewesen, mit dem eine auch in unserem beschaulichen Landkreis eine kleine, aber sehr aktive Gruppe Neonazis schleichend Einfluss bei der Jugend gewinnt und deren rechtsradikale Parolen in bürgerlichen Kreisen zunehmend Akzeptanz finden.
Am Ende blieb so von der Veranstaltung wenig mehr als pubertärer Protest. Wer nächstes Jahr noch nicht erwachsen sein will, wird auch am 8. Mai 2011 dabei sein, und am Liebsten wird man in kleinem Kreis unter sich bleiben, mit klaren Feindbildern: zuvorderst die Rechten, danach die anderen Spiesser, Antikommunisten und sowieso alle Andersdenkenden, egal ob Linke, Grüne oder Konservative.
Mittendrin werden sich dann wieder unerkannt Anhänger der autonomen Nationalisten tummeln und damit hämisch auf ihrer “Weltnetzseite” prahlen.

Apr 12

Himmel? Nein Danke!

Download PDF

In den Himmel hab ich noch nie gewollt. Dabei hätte ich doch gute Chancen gehabt, denn ich war – nota bene: ich war – katholisch, jenem für lebenslustige und sinnenfrohe Menschen höchst praktischem Glauben, der dem durchschnittlichen Alltagssünder den problemlosen Punkteabbau im Beichtkasten anbot.
Aber mal im Ernst: was sollte ich da oben?
“Von morgens 8 Uhr bis abends 12 Uhr frohlocken – von mittags 12 Uhr bis 8 Uhr abends Hosianna singen!” vielleicht?
Ist ein munteres Sexleben im himmlischen Sündenkatalog ebenso gestrichen wie Fluchen und das Abhalten von Trinkgelagen, muß man das da auch regelmässig beichten oder ist man so zahm wie in der “Kein Jägermeister!”-Werbung und hat einfach gar keine Lust auf Dinge, die sündiger sind als Scrabble oder das Nachmittagsprogramm von Bibel-TV?
Am Ende treff ich noch all die Heiligen mit frauenfeindlichen Sprüchen, von Augustinus bis Thomas von Aquin. Och nööö…
Was soll’s, ich bin aus der Kirche ausgetreten. Nicht wegen der Frauenfeindlichkeit und der Lebensferne dieser absurden Männerwelt des Klerus, schon gar nicht wegen der aktuellen Skandale und der peinlichen Krisen-PR: wäre ich gläubig, würde ich alles dafür tun, diesen Laden auszumisten, damit er sich endlich um das Seelenheil all der Mühsamen und Beladenen kümmern könnte. Aber ich bin eben nicht gläubig.
Ich mag mir nicht willkürlich den Gott aus der Bibel picken, der mir gefällt, während ich alle Stellen dieses Horrorschinkens ausblende, wo er mal wieder rasend eifersüchtig zum perfiden Massenmörder wird. Wie kann ich meine Moral an einem Gott orientieren, der so oft aus niedrigsten Motiven auf das Abscheulichste gegen diese Moral agiert?
Wenn es doch einen Gott gibt: er/sie/es hat sicher mehr Verständnis für meine Position als dieses halbgare Monstrum der Robenträger aller Bibel-Religionen.

Apr 09

08/15 in der Heimat

Download PDF

19 Tage, fast doppelt so lang wie nach der 1. OP war ich in der Münchener Klinik.
Dienstag Abend gab es dann endlich grünes Licht für die Entlassung am Mittwoch. Nur noch ein paar kleinere “teilnekrotisierte Stellen” fordern weiter Antibiotika und Sitzbäder, ich soll mir für die nach einer Unterleibsoperation dieser Größenordnung übliche Schonung gönnen. Alles Bestens also.
Die ganze letzte Woche hatte ich Heimweh, Sehnsucht nach meinem Verlobten, nach meiner Mutter, den Katzen und dem Frühling zu Hause. Aber als meine Taschen gepackt waren, konnte ich mich von dem sonnigen Balkon meines Krankenzimmers kaum losreißen. Anstatt erleichtert zu sein, dass es mir jetzt besser geht als je nach der ersten OP, hatte ich feuchte Augen, weil ich am Liebsten hier geblieben wäre.
Das Rundum-versorgt-sein war mir am Ende in seiner Routine zwar etwas langweilig geworden, aber die freundliche Atmosphäre und das sympathische Personal der Klinik waren soweit entrückt von dem grauen Alltag, der mich in der Heimat erwarten würde: unbezahlte Rechnungen, frustrierende Jobsuche, die Angst vor der Arge (irgendwas hat man ja immer ausgefressen) und Hoffnungslosigkeit…

Wenn ich in ein paar Wochen tatsächlich ganz gesund bin, hat mich das Leben wieder. Wirklich glücklich kann ich darüber – zumindest für den Moment – nicht sein.

Mrz 28

Es läuft :)

Download PDF

Der Verband ist runter, der Katheter raus. Es blutet noch ein wenig, etwas Wundsekret – nichts also, was für eine heilende Operationswunde ungewöhnlich wäre. Heftige, aber inzwischen ohne starke Medikamente erträgliche Schmerzen erinnern mich dran, dass alles noch frisch ist, und an das, was ich die letzten Monate ausgehalten habe. Die weite Reise (also jetzt ganz konkret die nach München: philosphisch werd ich, sobald ich wieder halbwegs ergonomisch am PC sitzen kann) hat sich gelohnt.
Schon komisch, wie man sich über etwas freuen kann, auf das man sonst nie auch nur einen Gedanken verschwendet hätte: ganz lässig mal eben ein “kleines Geschäft” verrichten zu können und ansonsten keinen weiteren Gedanken daran verschwenden zu müssen.

(Nachtrag vom Freitag, den 26.3.2010)

Mrz 20

Wetzt die Messer

Download PDF

… ich bin parat, und warte mal wieder in Thrombosestrümpfe und OP-Hemd auf den Chirurgen. In einer guten Stunde solls losgehen. Von Aufregung keine Spur, ich hab schon ‘ne Menge Routine. Der Ablauf ist ähnlich wie in Essen, aber die Chirurgische Klinik München ist gemütlicher. Mein Zimmer hat sogar ‘nen Balkon zum begrünten Innenhof. Ich bin noch groggy von der Anreise gestern Nacht, aber vor Allem von der Abführerei. Mit der haben sie es hier sehr gründlich. Mein Darm dürfte nach diesem Megadurchfall sauber sein, als hätte ich ihn mit Meister Propper geputzt.
Dafür knurrt der Magen, und ich hab so’nen Durst, dass ich glatt noch einmal fünf Liter von dieser wirklich ekligen Darmspülung trinken könnte.

Hoffentlich wird das der vorläufig letzte Eingriff. Ich werde operationsmüde…

Mrz 14

Jenseits der Schmerzgrenze

Download PDF

Habe ich in diesen Tagen wirklich nichts zu berichten? Zumindest kommt es mir so vor, als würden all die Dinge, die ich so treibe, beiläufig passieren und ohne Bedeutung bleiben. Mein Bruder war aus München zu Besuch und ich hab mich sehr gefreut, ihn mal wieder zu sehen. Die Voruntersuchungen zur hoffentlich erlösenden OP am kommenden Samstag, Fraktionssitzungen, meine erste Sitzung im Rat der EURegio Maas-Rhein, meine Verlobung: alles nichts?
Über das Gefühl, dass sich nichts für mich bewegt und dass ich nichts für mich bewegen kann tröstet auch nicht hinweg, dass ich aus gesundheitlichen Gründen vorläufig kaum mehr erwarten darf. Aber ist das denn wirklich so wenig?

Dazwischen nagt Neid. Ätzender, physisch schmerzender Neid, für den ich mich schäme, während er mir die Galle ins Blut schießen lässt… Auf meine Brüder, die arbeiten dürfen, und die sich einen gewissen Wohlstand leisten können, inclusive Urlaub, all den netten kleinen Annehmlichkeiten unserer Zivilisation und finanziellen Ersparnissen, während ich mir nicht mal mehr einen dringend nötigen Besuch beim Frisör leisten kann.
Eine sechzehn Jahre jüngere Freundin wird befördert und schwärmt mir fast täglich von ihrem neuen Job vor, mit Firmenwagen, schickem Büro und einer Arbeitsumgebung, in der 400€-Hosenanzüge selbstverständlich dazugehören. Ich trau mich kaum noch in die Gesellschaft von Menschen, die nicht von Hartz-IV leben müssen. Die sind in einer anderen Welt, in der sich nicht alles um Verzicht auf das Nötigste und das Verdrängen von Demütigungen dreht, und iin der ich mich mehr und mehr als Fremdkörper empfinde.
Ich muß mir dagegen nicht nur von Sarrazin und Westerwelle, sondern auch vom durchschnittlichen Bild-Leser und RTL-Zuschauer vorwerfen lassen, dass ich eine faule Schmarotzerin und Besitzstandswahrerin bin, zu faul, um irgendeinen Billigjob anzunehmen, dessen Arbeitsbedingungen diese Leute nie und nimmer für sich selbst akzeptieren würden.
Nicht, dass ich meiner Freundin und meinen Brüdern ihre Jobs nicht von Herzen gönne: es quält mich nur täglich mehr, wie sehr ich inzwischen vom Leben abgehängt werde, ohne Verständnis und Hilfe und ohne Hoffnung auf die Zukunft. Es legt sich wie ein erstickender Schleier über meine Tage und das kleine Glück meiner Liebe.

Düster sind derzeit auch die schweren Träume der kurzen Schlafphasen meiner Nächte. Ich sehe voller Faszination von hohen Staumauern, Schleusen und Brücken hinab in gefährlich strudelnde Wassermassen und habe Angst, dass mich diese Faszination in die Tiefe zieht. Dann träume ich von riesigen Bahnhöfen und fühle mich verloren zwischen den merkwürdig verfallenen Bahnsteigen, von denen Züge scheinbar planlos abfahren, bis ich in einen dieser Züge einsteige. Und dann habe ich wieder Träume, in denen ich orientierungslos durch vertraute, aber verwirrend veränderte Landstriche fahre und panisch irgendetwas Verlorenes suche, oder solche Träume, in denen ich gehetzt oder erniedrigt werde.
Ich weiss nicht, wie ich das schreiben soll: ich kann nicht mehr anders, ich fühl mich so… so lebensmüde.
Wenn ich nach solchen Nächten in den Tag gehe, wünsche ich mir manchmal, dass ich einfach kurz und schmerzlos von einem Meteoriten erschlagen oder meinetwegen auch vom Disruptor eines schlechtgelaunten intergalaktischen Wesens verdampft werde. Ich würde es nicht bedauern. Puff, einfach weg! Kein Leben, dass im letzten Augenblick noch einmal quälend an meinem geistigen Auge vorbeizieht, und keine Überreste, die des Betrauerns wert wären.

Seltsamerweise halten mich trotzdem immer noch die meisten Menschen für eine Art fröhlichen Steh-auf-Frauchens, voller unkaputtbarer Lebenslust und schier endloser Power, die eher Schonung als noch mehr Herausforderung braucht.
Entweder lieg ich in meinen Träumen und meiner Selbstwahrnehmung extrem falsch (liegts am fehlenden Schlaf?), oder ich bin in meinem Schmerz schon so wahnsinnig, dass ich manchmal so blind durchs Leben rase wie eine waidwund geschossene Wildsau, bis man ihr gnädig den Fangschuss gibt?

Warum stürz ich mich nicht einfach in einen dieser gurgelnden Abgründe, oder versauf das Geld, das ich sonst für Essen oder die Fahrten zu irgendwelchen Ehrenämtern oder am Ende immer nutzlosen Netzwerkereien ausgegeben hätte? Auf das kurze Ende, mit Schrecken zwar, aber endgültig, oder zumindest selige Betäubung statt albtraumartigen Wachkomas hätten viele Andere vielleicht längst gesetzt. Ist mein Weg der leichtere?

Ich hab wohl eher einen Hang zum Masochismus…

Mrz 04

GA-OP, die Zwote ….

Download PDF

Der Nachtrag kommt spät, denn meine München-Tour liegt schon über zwei Wochen zurück. Aber die buchstäblich schlaflosen letzten Monate fordern zunehmend Tribut. Ich kann mich kaum noch auf meinen Rechner konzentrieren, das Denken fällt schwer.
Dabei hat sich die anstrengende Autofahrt in den Schneewinter 2010 gelohnt. Mit dem Arztbesuch, einem Treffen mit einer alten Freundin aus meiner Zeit in meinem Garchinger Institut der TU München und einer Stippvisite bei der Münchner Selbsthilfe-Gruppe Viva-TS hatte ich volles Programm.
Dr. Liedl, der Chirurg, der sich meines leidigen Harnröhrenproblems annehmen soll, zeigte sich als freundlicher und vertrauenerweckender Arzt. Stephie und Julia, zwei gute Freundinnen aus Chemnitz, die sich bei ihm hatten operieren lassen, hatten mir nicht zuviel versprochen. Seine Diagnose fiel allerdings niederschmetternd aus. Ich hatte es schon befürchtet: es wird nicht bei einer Meatusplastik, also einem Aufbau des Harnröhrenausgangs bleiben. Die Neovagina ist inzwischen – wohl durch die dauernden Entzündungen, die zudem ordentliches Bougieren zu einer schmerzhaften Tortour machen – inzwischen so verengt und verkürzt, dass ein Neuaufbau ansteht. Mit anderen Worten: ich krieg zum zweiten Mal eine geschlechtsangleichende OP und habe damit auch wieder die gleichen Anstrengungen vor mir wie schon im Juni des letzten Jahres. Baden, Bougieren, Wundpflege, und – die werd ich diesmal konsequent halten – Ruhe…

Aber es muss sein. Ich bin inzwischen völlig fertig. Durchschnittlich alle 90 Minuten ist ein Gang zur Toilette fällig, sonst findet das Wasser andere Wege. Selbst Nachts habe ich keine Ruhe. Eine Stunde, selten auch mal zwei, kann ich bis zur nächsten Sitzung durchschlafen – und die dauert mindestens eine viertel bis zu einer halben Stunde. Dazu hab ich von einer großflächigen Entzündung Schmerzen, die ich heute ausnahmsweise sogar mit einem starken Schmerzmittel betäuben musste. Es ist einfach kaum mehr auszuhalten.

Kein Wunder, dass ich Panik bekam, als mir die Münchner Bettenplanung erst für den Mai einen Termin geben wollte. Zum Glück glaubte mir die Dame, dass Dr. Liedl ausdrücklich gesagt hatte, es sei eilig: ein Anruf beim Chef, und aus Ende Mai wurde der 20. März.
Aber auch die paar Tage werden mir noch lang, denn ich hab vorher noch so viel zu erledigen. Dabei kann ich nicht mal mehr schmerzfrei sitzen. Ich fürchte zwar, dass meine Kraft nicht für alles reichen wird, aber für mich ist diese Zeit jetzt doch wie ein Marathonlauf, wenn auf den letzten Kilometern die Muskeln schmerzen und jeder Schritt zur Qual wird. Am Ende werde ich vielleicht sogar mit ein wenig Stolz staunen dürfen, was ich alles aus- und durchhalten kann. Gelobt sei, was hart macht.
Auf die in Essen vermurkste Harnröhren-OP, die mich ein halbes Jahr und die AOK Hessen eine hübsche Summe gekostet hat, hätt ich trotzdem gern verzichtet. Ich ärgere mich inzwischen, dass ich mich nicht einfach nach der ersten Woche mit dem Dauerkatheter in der Essener Ambulanz schreiend auf den Boden geschmissen und da so lange Terz gemacht hab, bis die mich unverzüglich behandelt hätten. Das hätte ne Menge Kosten gespart, und weh genug getan hat’s eh.

Verdammt, ich freu mich auf den Mai: wieder gesund, warme Tage und endlich das pralle Leben!

Ältere Beiträge «

» Neuere Beiträge