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Mrz 16

Was ich in diesen Tagen vermisse…

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Es könnte eine so spannende Zeit sein.
In wenigen Wochen geht mit meiner OP ein Traum in Erfüllung. Ich muß mir nur noch eine Fahrkarte kaufen. Unerreichbar Geglaubtes wird Realität. Verdammt, ich hatte die Kraft, das zu schaffen, ich habe durchgehalten, auch wenn der Weg viel schwerer und belastender war als ich mir vorstellen konnte. Ich habe gelernt, wie stark ich sein kann und dass ich eine Angst überwinden kann, die groß genug ist, um mich unter hohem Leidensdruck Jahrzehnte daran zu hindern etwas zu tun, von dem ich wusste, dass ich es tun muß. Ich hatte immer verzweifelt gehofft, dass ich mich eines Tages befreit und hemmungslos auf meine OP freuen könnte.
Jetzt, wo mein OP-Termin im Kalender steht und ich allen Grund zu dieser Freude habe, will genau diese nicht aufkommen.

Ich vermisse Perspektive und Zukunft. Berufliche Ziele weichen Opportunismus, der Stolz der Akademikerin weicht der Einsicht, dass eine Mittvierzigerin, egal mit welcher Ausbildung, auf dem Arbeitsmarkt kaum noch Chancen hat. Reinigungsmaschine statt Redaktionsbüro, und ich werde wahrscheinlich froh sein dürfen, wenn ich den Job überhaupt bekomme.

Ich vermisse Privatleben. Menschen, denen ich näher komme als per e-Mail oder Chat, eine Schulter zum Anlehnen, körperliche Nähe. Nicht einmal darauf habe ich Hoffnung.
Im Moment spüre ich, wie einsam mich meine relative Armut macht. Ich habe kaum gemeinsame Themen mit Menschen meines Alters, die nicht selbst von Hartz-IV leben. Und die haben fast immer dieselben trostlosen Themen. Es sind Themen, denen ich aus dem Weg gehe, weil sie mich runterziehen, zu sehr daran erinnern, dass Perspektivlosigkeit und Angst vor einem Alter in Armut auch meine alles dominierenden Themen sind. Selbst ein lockeres Glas Bier in der Kneipe muß dreimal überlegt werden. Soziokulturelle Teilhabe gehört nicht zum Grundbedarf.
Die Hoffnung auf meine Schulter, sie ist unter diesen trostlosen Voraussetzungen nicht weit weg von der Hoffnung auf ein besseres Jenseits.

Und ich vermisse meine Zuversicht. Bisher konnte ich mich auf sie verlassen. Aber wenn ich sie wieder verliere, so wie jetzt, dauert es mit jedem Mal länger, sie wiederzufinden.

Schade, dass der feine Schwarzriesling aus Mutters Weinkeller mich nicht auf weniger trübe Gedanken gebracht hat…

PS: Nur zehn Minuten später lese ich noch einmal über diesen Text, und er kommt mir schon zu hoffnungslos vor. Etwa, weil ich im Bad in den Spiegel geblickt habe? Mutlosigkeit habe ich nicht gesehen, nur eine sehr starke – aber sehr müde – Frau, die trotz Allem glücklicher ist als je zuvor.
Da ist sie also wieder, meine unkaputtbare Zuversicht!

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