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Aug 18

Luxus: arbeiten dürfen

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Seit zwei Wochen habe ich kein neues Stellenangebot gefunden, das auch nur halbwegs auf mein Bewerberprofil passen würde. Für ein klassisches Volontariat dürfte ich ohnehin zu alt sein. Während man bei Mercedes Benz Strategien für das Zukunftsgeschäft mit einer alternden, aber zahlungskräftigen Kundschaft entwickelt, wächst bei mir die Angst. Ich werde wohl unweigerlich zu dem Drittel meiner Generation zu gehören, das sich mit 70 nicht einmal mehr die Busfahrkarte zum Sozialamt wird leisten können. Zeit für Verzweiflungstaten…

Reich und schön - ohne den Luxus Arbeit!

Reich und schön - ohne den Luxus Arbeit!

Eigentlich war ich schon auf der Suche nach einem Job als Regaleinräumerin im Supermarkt: knapp 5€ Stundenlohn, von denen aber der größte Teil auf den Hartz-IV-Regelsatz angerechnet wird. Macht also nicht mal ganz zwei Euro die Stunde, in der Summe aber immerhin 160€ mehr im Monat. Viele Anbieter zucken aber schon dankend mit der Schulter, wenn ich ihnen sage, ich sei nebenbei doch immer noch auf der Suche nach einem Einstieg als freie Redakteurin. Da spukt Günter Walraff, das Gespenst aller Arbeitgeber, die nicht zu ihrer Ausbeuterei stehen mögen. Aber dann finde ich im Stellenteil des Euskirchner Blickpunkt eine “leichte Bürotätigkeit” auf 400€ Basis, nur 25km von meiner Wohnung zu entfernt. Der Arbeitgeber macht einen seriösen Eindruck, der Rückruf kommt prompt, und mein Gegenüber zuckt allenfalls wegen meiner formalen Überqualifiation. Ich hab ein Vorstellungsgespräch, das erste seit über einem Jahr!
Ich versuche mich auf die Chance zu freuen, wieder so etwas wie Kollegen zu haben, mich wieder als zwar unbedeutenden, aber nicht faul rumhartzenden Teil einer Gesellschaft fühlen zu dürfen, die so auf die deutsche Tugend erwerbstätiger Tüchtigkeit fixiert ist, dass sie deren eigentlichen, den monetären und psychischen Wert längst vergessen hat. Arbeit um der Arbeit willen – und ich will. Nicht, weil ich davon überzeugt bin, nein, ich mache nur das was menschliche Psyche macht, wenn sie zu lang unter Druck steht: sie gibt nach und geht den Weg des geringsten Widerstands. Hoffnung auf ein Einkommen und “mir auch mal was leisten können” ist auf Irgendwann verschoben, jetzt zählen die kleinen Dinge, die so einem Job Sinn geben – und wenn es nur das Stopfen einiger der vielen Finanzlöcher ist, die der Hartz-IV-Bezug bei einer hypothekenbelasteten Langzeitarbeitslosen hinterlässt.
Dabei ist die Rechnung ernüchternd. 160€ bleiben mir als Nettoverdienst, bei vermutlich 60 Stunden im Monat. Allein die Spritkosten dürften bei mindestens 140€ liegen. 33ct Stundenlohn und 20€ mehr im Monat reichen für ein Paar Schuhe, die Stromrechnung oder das Internet, je nachdem, was in diesem Halbjahr am Allernötigsten ist.
Wenn ich dann noch die realen Kosten fürs Auto und vielleicht etwas höheren Körperpflegeaufwand rechne, frag ich mich, ob ich mir tatsächlich den Luxus leisten kann, arbeiten zu dürfen.

Wisst ihr was, ihr lieben Schlaumeier in den Kneipen und Volksverblödungsmedien? Wenn ihr mir zeigt, wie ich mir den Plasmafernseher, die Playstation und den Zigarettenkonsum eurer faulen Klischee-Arbeitslosen leisten kann, werd ich wieder bescheidener leben. Versprochen!

1 Kommentar

  1. Das Julchen

    Hallo Wally,

    Das ist eh das letzte. Ausserdem was willst du? Für den Arsch von “deutschem Michel” schuften. Ausserdem dürftest du locker zum sog. represänstativen neuen deutschen Sozialadel gehören. Ich esse jetzt ne Pommes Spezial *jamajam*

    HDL

    Das Julchen

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