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Mai 10

Schwarzer Block, rote Fahnen, heisse Luft

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Aktionstag zum 8. Mai 2010Samstag, 8. Mai, mitten in Euskirchen weht die Flagge der Sowjetunion. Eine kleine Gruppe von etwa 60 Jugendlichen feiert den “Tag der Befreiung”. Vom Sieg über die Nazidiktatur ist in kurzen Ansprachen die Rede, vom Ende der Naziverbrechen, der Kapitulation des Dritten Reiches. Ein weiß-blauer Davidstern, rote Fahnen der Linken und der “Antifaschistischen Aktion”, dazwischen der verloren wirkende Igel der grünen Jugend, überhaupt, auf den ersten Blick alles eher alternative Jugendkultur als die steineschmeissende Randale, gegen die die Stadt wie bei solchen Anlässen heutzutage üblich auffällig zahlreich Bundespolizei angefordert hatte.
Passanten bleiben kurz stehen. Für die provinzielle Stadt in der Voreifel ist das eine ungewohnte Szenerie. Die zum Teil schwarz vermummten Jugendlichen wirken trotz des friedlichen Ablaufs zu verstörend, um noch Raum für die eigentlich beabsichtigte Verstörung über den Anlass der Kundgebung zu lassen. “Let’s push things forward” und “Keine Homezone für Nazis!” – den meisten Menschen in der Euskirchner Fußgängerzone erschließt sich die Botschaft der Transparente nur schwer. Irgendwas gegen Rechts, doch so bleibt spontane Anteilnahme die Ausnahme. Rechtsradikale in Euskirchen werden als ernstes Problem bisher ohnehin kaum wahrgenommen, da lässt man sich bei so einem Sonnenschein auch nicht den ersten Eisdielenbesuch des Jahres mit müßigen Gedanken zum Jahrestag der deutschen Kapitulation verderben. Ob die Alliierten und allen voran die Rote Armee nicht doch gekommen sind, um die Deutschen und ihre Opfer vom Terror des Nationalsozialismus zu befreien, statt endgültig den gnadenlosesten Agressor der jüngeren Weltgeschichte und dazu nebenbei ganz in der chauvinistischen Tradition des frühen 20. Jahrhunderts die Machtbereiche in Europa neu abzustecken – wen interessiert das noch? Am Ende kamen doch statt der Morgenthau’schen Totaldemontage einer Industrienation im Westen Marshall-Plan, Wirtschaftswunder und eine bei allen Schwächen vorläufig noch funktionierende Demokratie. So what?

Als einer der Redner “gegen Rechts, für den Kommunismus!” ruft, ist es aber auch mit meiner Sympathie endgültig vorbei. Grüne haben die Veranstaltung ganz offiziell mitorganisiert, doch ab hier kann ich – gerade als als Grüne – nicht mehr guten Gewissens folgen. Wie der Kommunismus, besonders unter der Flagge der Sowjetunion, mit Pazifismus, Demokratie und Menschenrechten vereinbar sein soll, erschliesst sich wohl nur den jungen Leuten vom Schwarzen Block. Natürlich muss man den Blutzoll der russischen Bevölkerung und der Sowjet-Armee im Kampf gegen Nazideutschland anerkennen – aber darf man Stalin, selbst einer der skrupellosesten Massenmörder und Diktatoren des letzten Jahrhunderts, tatsächlich als Befreier feiern? Die Antifa hat damit nichts mehr übriggelassen von dem breiten Schulterschluss aller demokratischen gesellschaftlichen Gruppen, der als deutliche Mahnung gegen Rassismus, Menschenverachtung und Nazitum geplant war. Dabei wäre genau dieser Schulterschluss ein mächtiges Zeichen gegen den braunen Ungeist gewesen, mit dem eine auch in unserem beschaulichen Landkreis eine kleine, aber sehr aktive Gruppe Neonazis schleichend Einfluss bei der Jugend gewinnt und deren rechtsradikale Parolen in bürgerlichen Kreisen zunehmend Akzeptanz finden.
Am Ende blieb so von der Veranstaltung wenig mehr als pubertärer Protest. Wer nächstes Jahr noch nicht erwachsen sein will, wird auch am 8. Mai 2011 dabei sein, und am Liebsten wird man in kleinem Kreis unter sich bleiben, mit klaren Feindbildern: zuvorderst die Rechten, danach die anderen Spiesser, Antikommunisten und sowieso alle Andersdenkenden, egal ob Linke, Grüne oder Konservative.
Mittendrin werden sich dann wieder unerkannt Anhänger der autonomen Nationalisten tummeln und damit hämisch auf ihrer “Weltnetzseite” prahlen.

1 Kommentar

  1. Cornelia

    Nun die allbeliebte Phrase vom Kommunismus der da im Osten untergegangen sei, wird Tagein und Tagaus eifrig in allen Tonlagen und von allen politischen Köpfen laut gesungen.

    Das die Demokratie die höchste Machtform des Kapitals ist wird dagegen totgeschwiegen bzw. ist dem Unwissen geschuldet. Der politische Kopf ist eben politischer Kopf, weil er die Welt von seiner Warte aus sieht, also einseitig und um so einseitiger je ausgebildeter und schärfer dieser Kopf denkt, den sonst könnte er kein politischer Kopf sein. Das das Vorhandensein des Staates das Grundübel ist kann er nicht begreifen, weil er und sie ist doch Teil dieses Staates, meint der politische Kopf.

    Nun, dass dem Kapital als Gesellschaftsform so langsam aber dafür um so sicherer die Luft ausgeht, mag dem Unkundigen schon unwahrscheinlich sein. Denn alle Kategorien sind doch voll funktionstüchtig, meint der politische Kopf, wenn doch bloß die richtigen Leute kämen um alles so weiter laufen zu lassen wie es seit einem halben Jahrtausend gelaufen ist.

    Das Kapital ist aber ein Prozess welcher immer und immer wieder Mehrwert schaffen muss. Das ist aber nur möglich wenn die Substanz des Wertes, die allgeim menschliche Arbeit betriebswirtschaftlich rentabel verbrannt werden kann. Das gelingt aber nicht mehr. Zuviele kostenlose Produktivkräfte sind auf Grund der Konkurrenz in den Dienst gepresst worden… Ergebniss: Das Kapital ist nicht mehr ausreichend exploitationsfähig, sprich es können nicht mehr genug Menschen normal ausgebeutet werden.

    Der Kommunismus existierte bis heute nur als Urkommunismus. Was im Osten die Fliege gemacht hatt war aber keine kommunistische Wirtschaftsordnung, denn das hätte zur Voraussetzung gehabt, dass die Arbeitsteilung aufgehoben worden wäre. Das ist aber nicht geschehen und kann auf der Basis der heutigen Produktivkraftentwicklung nicht geschehen (und damals schon recht nicht). Also lassen ich den Menschen das große Schreckgespenst Kommunismus, ich sage ihnen bloß, dass sie sich vor ihrem EIGEN Schatten fürchten, dem Schatten ihrer eigenen Vergangenheit.

    Erst die Biologisierung der Produktionsmittel, welche die Grüne Bestrebungen mit aufheben wird, kann die Voraussetzung für einen sich entfaltenden Kommunismus sein. Dann wird Zeit sein, sich wieder an sein Menschsein zu erinnern und nicht als Treibstoff für die “Schöne Maschine” zu dienen.

    Mit besten Grüßen aus Berlin
    Cornelia

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