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Mrz 14

Jenseits der Schmerzgrenze

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Habe ich in diesen Tagen wirklich nichts zu berichten? Zumindest kommt es mir so vor, als würden all die Dinge, die ich so treibe, beiläufig passieren und ohne Bedeutung bleiben. Mein Bruder war aus München zu Besuch und ich hab mich sehr gefreut, ihn mal wieder zu sehen. Die Voruntersuchungen zur hoffentlich erlösenden OP am kommenden Samstag, Fraktionssitzungen, meine erste Sitzung im Rat der EURegio Maas-Rhein, meine Verlobung: alles nichts?
Über das Gefühl, dass sich nichts für mich bewegt und dass ich nichts für mich bewegen kann tröstet auch nicht hinweg, dass ich aus gesundheitlichen Gründen vorläufig kaum mehr erwarten darf. Aber ist das denn wirklich so wenig?

Dazwischen nagt Neid. Ätzender, physisch schmerzender Neid, für den ich mich schäme, während er mir die Galle ins Blut schießen lässt… Auf meine Brüder, die arbeiten dürfen, und die sich einen gewissen Wohlstand leisten können, inclusive Urlaub, all den netten kleinen Annehmlichkeiten unserer Zivilisation und finanziellen Ersparnissen, während ich mir nicht mal mehr einen dringend nötigen Besuch beim Frisör leisten kann.
Eine sechzehn Jahre jüngere Freundin wird befördert und schwärmt mir fast täglich von ihrem neuen Job vor, mit Firmenwagen, schickem Büro und einer Arbeitsumgebung, in der 400€-Hosenanzüge selbstverständlich dazugehören. Ich trau mich kaum noch in die Gesellschaft von Menschen, die nicht von Hartz-IV leben müssen. Die sind in einer anderen Welt, in der sich nicht alles um Verzicht auf das Nötigste und das Verdrängen von Demütigungen dreht, und iin der ich mich mehr und mehr als Fremdkörper empfinde.
Ich muß mir dagegen nicht nur von Sarrazin und Westerwelle, sondern auch vom durchschnittlichen Bild-Leser und RTL-Zuschauer vorwerfen lassen, dass ich eine faule Schmarotzerin und Besitzstandswahrerin bin, zu faul, um irgendeinen Billigjob anzunehmen, dessen Arbeitsbedingungen diese Leute nie und nimmer für sich selbst akzeptieren würden.
Nicht, dass ich meiner Freundin und meinen Brüdern ihre Jobs nicht von Herzen gönne: es quält mich nur täglich mehr, wie sehr ich inzwischen vom Leben abgehängt werde, ohne Verständnis und Hilfe und ohne Hoffnung auf die Zukunft. Es legt sich wie ein erstickender Schleier über meine Tage und das kleine Glück meiner Liebe.

Düster sind derzeit auch die schweren Träume der kurzen Schlafphasen meiner Nächte. Ich sehe voller Faszination von hohen Staumauern, Schleusen und Brücken hinab in gefährlich strudelnde Wassermassen und habe Angst, dass mich diese Faszination in die Tiefe zieht. Dann träume ich von riesigen Bahnhöfen und fühle mich verloren zwischen den merkwürdig verfallenen Bahnsteigen, von denen Züge scheinbar planlos abfahren, bis ich in einen dieser Züge einsteige. Und dann habe ich wieder Träume, in denen ich orientierungslos durch vertraute, aber verwirrend veränderte Landstriche fahre und panisch irgendetwas Verlorenes suche, oder solche Träume, in denen ich gehetzt oder erniedrigt werde.
Ich weiss nicht, wie ich das schreiben soll: ich kann nicht mehr anders, ich fühl mich so… so lebensmüde.
Wenn ich nach solchen Nächten in den Tag gehe, wünsche ich mir manchmal, dass ich einfach kurz und schmerzlos von einem Meteoriten erschlagen oder meinetwegen auch vom Disruptor eines schlechtgelaunten intergalaktischen Wesens verdampft werde. Ich würde es nicht bedauern. Puff, einfach weg! Kein Leben, dass im letzten Augenblick noch einmal quälend an meinem geistigen Auge vorbeizieht, und keine Überreste, die des Betrauerns wert wären.

Seltsamerweise halten mich trotzdem immer noch die meisten Menschen für eine Art fröhlichen Steh-auf-Frauchens, voller unkaputtbarer Lebenslust und schier endloser Power, die eher Schonung als noch mehr Herausforderung braucht.
Entweder lieg ich in meinen Träumen und meiner Selbstwahrnehmung extrem falsch (liegts am fehlenden Schlaf?), oder ich bin in meinem Schmerz schon so wahnsinnig, dass ich manchmal so blind durchs Leben rase wie eine waidwund geschossene Wildsau, bis man ihr gnädig den Fangschuss gibt?

Warum stürz ich mich nicht einfach in einen dieser gurgelnden Abgründe, oder versauf das Geld, das ich sonst für Essen oder die Fahrten zu irgendwelchen Ehrenämtern oder am Ende immer nutzlosen Netzwerkereien ausgegeben hätte? Auf das kurze Ende, mit Schrecken zwar, aber endgültig, oder zumindest selige Betäubung statt albtraumartigen Wachkomas hätten viele Andere vielleicht längst gesetzt. Ist mein Weg der leichtere?

Ich hab wohl eher einen Hang zum Masochismus…

7 Kommentare

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  1. Laurenz

    Wie gesagt, du könntest ein wunderbares Leben haben, wenn du ein Mann geblieben wärst. Und du hättest der Allgemeinheit viel Geld gespart

    Trotz all dieser Umwandlungen bzw. Angleichungen wirst du nie eine richtige Frau sein. Du wirst immer eine tiefe Stimme haben, deine Brüste werden nie so formschön wie die anderer Frauen sein, du wirst nie diese typisch weiblichen Rundungen haben, dein Gesicht wird nie dem einer Frau gleichen, und du musst den Rest deines Lebens Hormontabletten schlucken, damit dir kein Bart wächst. Kinder werden dich hänseln und mit dem Finger auf dich zeigen und in der Straßenbahn wird man dich anpöbeln.

    Oh, Herr Nitsche, warum tun Sie sich das an?

  2. Laurenz

    Ich habe mal eine hübsche junge Transfrau gekannt (die sah richtig gut aus, bei der hat sich die Umwandlung echt gelohnt), und die musste immer Hormontabletten nehmen und durfte deswegen keinen Alkohol trinken. Daher dachte ich, dass das bei dir auch der Fall ist. Und mit ihrer Umwelt, also mit ihrem Vater, ihrem Arbeitgeber, etc. hat sie wegen ihrer Transsexualität ziemliche Probleme bekommen.

    Ach ja, die Sonja. Wenn ich an diese Frau denke, wird mir ganz warm ums Herz. Leider war sie lesbisch *schnief*

    Ich wollte dich keineswegs beleidigen oder kränken. Sei nicht immer so empfindlich.

  3. Laurenz

    Ich bin durchaus dafür, dass Motorradfahrer, Menschen, die Risiko-Sportarten betreiben bzw. ungesund leben, höhere Prämien bezahlen.

  4. Laurenz

    Gegen Geschlechtsumwandlungen habe ich ja grundsätzlich nichts. Nur sollte man nicht nur GLAUBEN, eine Frau zu sein, man sollte auch schon von vorneherein einigermaßen feminin AUSSEHEN, und zwar GUT AUSSEHEN.

    Ein Zwei-Meter-Muskelprotz wirkt doch als Frau eher unglaubwürdig, findest du nicht?

  5. Cornelia

    Lieber Laurenz,

    für Dich ein schönes Marxzitat:

    “Die Dummheit ist eine dämonische Kraft, sie wird noch manches Trauerspiel aufführen.”

    Diese Stücke sind dann (noch) meist männlich Besetzt.
    ___________________________________________________________

    Valerie,

    Deine Tief’s sind Folge einer gesellschaftlichen Wandlung, Du bist Teil und mit unbewußter Grund für diese Gesellschaft, nicht deren Ursache, darum mußt Du bewußter, also wissender, Grund für eine andere Gesellschaft werden. Ich hatte mich 2005 bis zum Burn out Syndrom vorgearbeitet. Dann war Schluß. Ich bin jetzt bald sechzig Jahre jung oder alt (je nach Tagesform) aber mein Leben hat mich gelehrt: es bleibt selten wie es ist, weil alles in der Tat in Bewegung ist. In Zeiten in denen scheinbar nichts geschieht bereiten sich die Dinge vor die uns dann Überraschen.

    Wenn andere Menschen noch “Glück” haben, sollte frau sich das genauer Anschauen und sich fragen: Was kostet das?
    Die Antwort lautet immer öfter: Ein wirklich menschliches Leben, dies auch das anderer (meist kindseiender) Menschen.

    Sei lieb Gegrüßt von
    Cornelia

  6. ZAWSZE Wygrywaj W Ruletke

    Da fragt man sich beim groben Durchlesen ja schon, ob man selbst nicht irgendwie auf den Kopf gefallen war. Danke fur Ihre Berichte

  7. Valerie

    Deine Ignoranz nervt, Laurenz!
    Kein “Mann”, der so ein wundervolles Leben hat, nimmt solche Strapazen auf sich. Motorradunfälle sind viel häufiger und im Durchschnitt deutlich teurer als eine Geschlechtsangleichung (Auskunft meiner Krankenkasse) – bist Du wenigstens so fair, auch Motorradfahrer zu mobben?
    Die Kosten einer Nichtbehandlung (Psychosen und dadurch bedingter Arbeitsausfall) sind da nicht mal eingerechnet.
    Den meisten Transidenten gehts nach der OP langfristig deutlich besser. Warum willst Du denen die Heilung verweigern?

    Wie kommst Du darauf, ich nähme Pillen, damit mir kein Bart mehr wächst oder dazu zu glauben, dass ich dauernd in der Strassenbahn angepöbelt würde?
    Obendrein hast Du nicht einmal Charakter und menschlichen Respekt genug, um auf das offensichtlich verletzend gemeinte “Herr Nitsche” zu verzichten.

    Traust Du Dich eigentlich, auch ausserhalb des Internets so herumzupöbeln?

    “Es gibt Leut, die sind mir so egal, die tu ich nicht einmal ignoriern.”

    Recht hat er, der Karl Valentin. Aber der hatte ja auch noch nicht die Option, diese Leute als Spammer zu markieren…

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