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Feb 12

Ein halber Tag Freiheit

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Ich sitz tatsächlich in einem Café in Poing (Oberbayern), nur wenige Meter von meiner alten Studentenbude entfernt, und warte auf meinen Termin bei Dr. Liedl an der Klinik Bogenhausen.
Ich war ewig nicht mehr hier, ein wenig überwältigen mich Heimatgefühle, und das Gefühl, endlich mal aus meinem in jeder Hinsicht so eingeschränkten Hartz-IV-Trott rauszukommen. Ich hab mir sogar ein ganzes Kännchen Kaffee gegönnt. Für ein paar Stunden hab ich mich mal wieder so ganz frei gefühlt.
Trotzdem kann ich diesen Tag nicht geniessen. Ich lebe von Sozialhilfe, aber ich fahr immer noch mit dem eigenen Auto nach München, um einen Spezialisten aufzusuchen, und leiste mir heute Abend sogar noch ein Abendessen. Ist das nicht doch unverschämter Luxus, bezahlt von Millionen Steuerzahlern, die zum Teil für mickriges Gehalt 40 Stunden in der Woche schuften müssen?
Vielleicht sitz ich tatsächlich immer noch auf einem zu hohen Ross. Warum sollte ich an einen Job höhere Ansprüche haben, als irgend eine andere Arbeitslose, nur weil ich eine Hochschulausbildung hab, und mir soviel auf all die anderen Sachen einbilde, die ich so gemacht hab? Nehm ich das wirklich nur als Vorwand, wenn ich mich zu schnell von Zeitarbeitsfirmen abwimmeln lasse, die mir sagen, ich sei zu “überqualifiziert”, um Paletten zu packen, Stapler zu fahren oder ein Büro zu putzen, obwohl ich mit meiner längst veralteten Ausbildung eigentlich zu den Wieder-Unqualifizierten gehöre?

Mein Kaffee ist bitter. Der Zucker drin hilft nicht. Vermutlich wird mir mein Abendessen auch nicht schmecken. Wenigstens war der altbayerische Kalbskopf echt lecker, den ich mir gestern Abend geleistet hab. Ich gönn mir meine eigene Dekandenz nicht mehr.
Aber ich geb ungeniert zu, dieser halbe Tag Freiheit zwischen gestern Abend und heute Mittag hat mir gut getan.

3 Kommentare

  1. Laurenz

    Wer unverschuldet in Not gerät, muss sich auf die Solidarität der Allgemeinheit verlassen können. Das ist völlig in Ordnung.

    Der Steuerzahler ist allerdings nicht dafür da, dass er Geschlechtsumwandlungen bezahlt. Der eine hat Depressionen, weil er eine Frau sein möchte. Ein anderer wiederum ist todunglücklich, weil er gerne einen Porsche hätte. Und manche sind unöströstlich, weil sie sich keinen Urlaub auf den Seychellen leisten können. Und damit diese Menschen glücklich werden, soll doch bitte der Steuerzahler alles bezahlen.

  2. Valerie

    Seit wann bezahlt dafür der Steuerzahler? Auch die Ackermanns, Kochs, Mehdorns und Westerwelles dieser Welt zahlen nie einen Cent dafür – die sind privat versichert.
    Dass Du ein schweres psychisches Leiden mit der Sehnsucht nach Deinem Traumurlaub in einen Topf wirfst, lass ich unkommentiert.

  3. Cornelia

    Liebe Valerie,

    das Du frecher Weise wie ein Mensch leben willst ist schon wirklich Dekadent. Sei zufrieden, dass Du in der Freiheit der Produktionsmittelbesitzer und ihrem Repressionsstaat leben darfst sowie Demagogie, sorry Demokratie, in vollen Zügen geniessen kannst.

    Wer ist dieser ominöse Steuerzahler, welcher über die ideologische Bühne der Politik geistert, wo kann ich ihn denn mal treffen und wie verhält es sich denn eigentlich mit den Steuern in der Lohnsklaverei versus im Kapitalismus?

    Ich möcht hier Marx aus dem Vorwort zum IBand des Kapital’s zur Kenntnis geben:

    “Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine “ungeheure Warensammlung”(1), die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.”
    Zitat Ende!

    Wenn man nun weiß, dass man nunmehr zur sich “Selbstverkaufenmüssenden Ware” wird, so hat man schon einen Gutteil Erkenntnis gewonnen. Im nächsten Schritt wird man erkennen müssen, dass es für diese Ware und den spezifischen Inhalt dieser Menschenware(Arbeitskraft) immer weniger “Nutzanwendung” geben kann, weil die menschliche Arbeitskraft progressiv durch kostenlose Naturkräfte ersetzt wird. Damit ist aber die auf dem WERT beruhende gesellige Form der Menschen aber immer weniger weit für die sie konstituierende Form der Lohnsklaverei, ihres eigenen Funktionieren könnes, gegeben.

    Da die Ausbeutung nicht mehr klappt sind die Ausgebeuteten bzw. die nicht mehr Ausbeutbaren an dieser ihrer Situation selbst schuld, sagen all die Guidos, Sarrazins und Genossen. Gott möge uns beistehen, dass diese modernen Faschisten nicht vollends zum Zuge kommen und das nichtverwertbare Humankapital in die städtischen Müllverbrennungsanlage verbringen lassen, um noch wenigstens temporär dem Mangel an Erdöl beizukommen suchen, sowie den sich marginalisierenden Mehrwert zu strecken bereit sind.

    Im Kapitalismus ist der Mehrwert das zentrale Intresse der Produzenten sprich der Kapitalistinnen und Kapitalisten. Nicht weil sie wollen sondern weil sie müssen

    tschüssi sagt Cornelia aus Berlin

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