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Jan 30

Die Würde des Menschen

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ist unantastbar.
Es sei denn, dieser Mensch bezieht Hartz-IV…

Heute habe ich auf Bundestag.tv die erste Lesung eines Antrags auf Änderung des Artikels 3 GG Absatz 3 verfolgt. Auch das Verbot der Diskrimierung auf Grund der sexuellen Orientierung soll dort aufgenommen werden. Zu Recht, wie ich finde, denn auch ich habe während des Verfahrens im Vorfeld meiner Geschlechtsangleichung meine Portion Missachtung von Menschenwürde erfahren. Trotz der leidenschaftlichen Rede von Volker Beck wird diese Verfassungsänderung an Union und sogar FDP scheitern, denn eine besondere Erwähnung der Schutzbedürftigkeit hält das konservative Lager für nicht notwendig. Schliesslich sei da ja der Artikel 1 – also der mit der unantastbaren Würde – der völlig ausreichend vor Diskrimierung schütze.
Aber dann fällt mir auch ein, dass ich mich am Mittwoch bei der Abgabe meines Hartz-IV-Verlängerungsantrages wie eine Verbrecherin gefühlt habe, die man erst im Laufe des Verhörs ahnen lässt, was sie verbrochen haben soll. Tatsächlich, ich hatte sogar einen schwarzen Fleck auf meiner doch weissen Weste: da meine Toilette samt Bad nicht beheizt und nur über die zugige Veranda erreichbar ist, verbringe ich derzeit schon aus gesundheitlichen Gründen die mehr Zeit bei meiner Mutter, als ich nach den Regelungen für Hartz IV-Empfänger eigentlich dürfte. Die elektronischen Fussfesseln, die mir einst ein Justizminister von Roland Kochs Gnaden anlegen wollte, hätte ich also durchaus ein wenig verdient.
Der banale Rechtsverstoß war mir bewusst, die Güterabwägung zwischen “Aufenthaltspflicht” und der Gefahr, dass meine Blasenprobleme durch die Kälte bald chronisch und damit nicht nur schmerzhaft, sondern auch richtig teuer würden, fiel eindeutig zu Gunsten meiner Gesundheit aus. Wer hätte anders entschieden?
Trotzdem hat man mir deshalb und ohne mich darüber zu informieren das Geld gestrichen. Der Gesellschaft entsteht nicht der geringste Schaden, ich bin nach wie vor erreichbar (wenn die Arge mich mit tollen Arbeitsangeboten überhäufen möchte), verpflege mich ohne jede geldwerte Zuwendung durch meine Mutter selbst, und doch werde ich gemaßregelt. Kein vollwertiger Bürger dieses Landes würde sich das gefallen lassen.
Und, viel schlimmer: was ist mit den Kindern aus Hartz-IV-Haushalten, denen unser Schulsystem Bildungschancen so konsequent verweigert, die den Sprösslingen eines Rechtsanwaltes oder Beamten etwa so selbstverständlich zustehen?

Die Würde des Menschen ist antastbar, solange sie so willkürlich an den Maßstäben einer Gesellschaft definiert wird, die sozialen Status, Herkunft und überkommene Moral immer noch so beliebig über universelles Menschenrecht stellt.

10 Kommentare

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  1. Julius Franzot

    Mein ganzes Mitgefühl für Deine mißlige Lage. Es geht nicht an, dass Bürger so erniedrigt werden, nur weil sie Unterstützung vom Staate bedürfen.
    In einer gerechten Gesellschaft darf es keine Arbeitslosen geben. Der Staat sollte sich seiner Verantwortung stellen und selbst dafür sorgen, dass jeder Arbeitswillige sofort eine neue Stelle bekommt. Es gibt viel zu tun, packen wir es ALLE an!
    Und die Finanzierung? Kann spielend leicht über eine Stauererhöhung bei millionenschweren Einkommensbeziehern, ohne Beitragsbemessungsgrenzen und ohne Steuersparmodelle!

  2. Cornelia

    Wenn das Humankapital in der Tat nicht mehr verwertet werden kann, bleibt nur dessen repressive Behandlung. Ich glaube die Müllverbrennungsanlagen werden bald umgerüstet werden um umweltverträglich jenes überflüssige, abgewrackte Pack (zu dem ich auch gehöre) zu entsorgen. Weil: im Kapitalismus jeder, jeden aus der Gesellschaft ausschließt, es sei denn er besitzt gesellschaftliche Beziehung, d.h. Geld.
    Alle bürgerlichen Illusionen beginnen jetzt progressiv zu Verdampfen, was bleibt ist die nackte bare Zahlung.

    Zuerst hat es die dritte Welt niedergemäht, dann die zweite und nun ist die erste (beste) Welt dran. Schuld daran ist die unablässige, systemimanente,zwanghafte Steigerung der Arbeitsproduktivität, die gehört der konkreten Seite der Arbeit an. Gemessen wird aber der ganze Mist in der abstrakten Arbeit, dem Wert, dieser sinkt beständig mit dem Output der Weltproduktionsmaschine des Kapitals. Dies muß zum totalen Kollaps führen, weil die wirklichen sachlich-stofflichen Produkte nur ungeliebter Träger des eigendlichen sind: Des Wertes, welcher sich im Geld reinkarnieren muß. Jene wirkliche handfeste Seite der Ware kann immer weniger Menschen VERKAUFT werden, weil immer weniger Menschen beschäftigt werden können um das Ziel der kapitalen Produktion zu erhalten: Wert plus Mehrwert(Dies die unbezählte Arbeit und damit Gratisproduktion für das Kapital)welcher als Gewinn seit fünfhundert Jahren sich zum alleinigen Maßstab des “wirtschaftlichen Erfolges” Emanzipiert hat.

    Das Recht ist nur der ideologische Widerhall in den köpfen der am Wertverwertungsprozeß beteiligten. Für die die herausfallen MÜSSEN

  3. Cornelia

    bleibt nur noch die Desillusion: Damit fallen die Ketten des Kapitals von den Menschen ab, aber nicht positiv sondern Negativ: Die Verunmöglichung des Lebens in dieser Gesellschaftsform. Dort das Problem. Dort die Lösung.

  4. Cornelia

    Ansonsten bleibt mir nur Dir alles Gute zu wünschen und viel Kraft und Mut. Sei gedrückt und umarmt.

    Cornelia

    Der Eintrag ist leider etwas zerhackt, weil ich stets auf die falsche Taste falle.

  5. Laurenz

    Widme doch mal einen Blog uns Steuerzahlern, die für Hartz IV aufkommen. Wir tun es ja gerne, denn Menschen in Not muss geholfen werden.

    Äußerst ungern bezahlen wir allerdings Geschlechtsumwandlungen.

    Laurenz

  6. Valerie

    Erstens: es ist eine Geschlechtsangleichung, keine Geschlechtsumwandlung. Ich bestreite an dieser Stelle Deine Qualifikation zu beurteilen, welche medizinischen Maßnahmen für wen notwendig, angemessen und dauerhaft sogar kostensparend sind.
    Zweitens zahle sogar ich gelegentlich Steuern, und sofern ich das irgendwann wieder regelmäßig darf, tu ich das sogar gern (ich hab im Gegensatz zu vielen angeblichen Leistungsträgern auch noch nie welche hinterzogen!). Meine Lohnsteuererstattung für 2007 durfte ich allerdings nicht behalten – die wurde angerechnet. Geld, für das ich gearbeitet habe, und das sehr viel härter, als Du Dir das vermutlich vorstellen kannst.

  7. Laurenz

    Geschlechtsumwandlung oder -angleichung – letztendlich ist das ja egal. Die Vertreter der katholischen Hohen Geistlichkeit haben sich zwar in der Wortwahl etwas geirrt, aber im Kern haben sie recht – Menschen, die den Weg gehen, den du gehst, handeln falsch.

  8. Laurenz

    Genau, und ich war immer schon der Kaiser von China. Nur hat es bislang niemand gemerkt ;-)

  9. Raina

    @Laurenz
    Wenn Du nur ein Wenig nachdenken würdest, dann wärst Du glücklich darüber, dass du mit Dir selbst im Reinen sein kannst.
    Du hast nie erfahren müssen, wie grausam es ist, jeden Tag, jede Stunde nur eine “Rolle” zu spielen, nur in deinen Träumen du selbst sein zu können. Weisst Du, wie steinig und schmerzhaft der Weg ist, für jene, die nicht ihrem Leben aus Verzweiflung ein Ende setzen und die um ihr Glück kämpfen?
    Aber Geld ist wohl wichtiger als das Lebensglück einer Frau…
    Ich schreibe Dir, weil ich selbst betroffen bin und es für mich die einzige Chance war, wenigstens noch ein wenig authentisch leben zu können.

  10. Valerie

    Nein, es ist ein Unterschied. Ich war immer eine Frau, die OP war also kein “Umwandeln”.
    Was ist daran denn genau “falsch”?
    Mit dem, was nach allgemeinem moralischen Empfinden und dem Gesetz Unrecht ist, hat die “katholische Hohe Geistlichkeit” derzeit so gewaltige Irrtümer zu bewältigen, dass ich deren Vorstellungen von “falsch” und “richtig” bis zu einer deutlichen Klarstellung anzweifeln muss.

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