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Nov 26

SPIEGEL-ONLINE: Falsche Mädchen, falsches Thema

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In der Online-Ausgabe des “Spiegel” erschien am 25.11.09 der Artikel “Tod eines falschen Mädchens” über den Mord an einer Transsexuellen in Rom, den ich nicht unkommentiert lassen konnte.

Sehr geehrte Frau Langer,
Ihr Artikel zum Tod einer jungen Prostituierten und eines italienischen Drogendealers ist leider ein Weiteres der vielen traurigen Beispiele dafür, wie unzutreffend und nachlässig in Medien und Literatur Transgender, Drag Queens, Transvestiten, Crossdresser oder “Shemales” als Transsexuelle bezeichnet werden. Die von Ihnen zitierte Vladimir Luxuria selbst wehrt sich dagegen: sie nennt sich bewusst und zu Recht abgrenzend “Transgender”.
Ihnen ist vielleicht nicht bewusst, wie erheblich diese hartnäckige Vermengung unterschiedlicher Begriffe mit all den damit verbundenen Klischees Transgender wie “echte” Transsexuelle behindert. Ich selbst muss als (Trans-)Frau von Gesprächspartnern immer wieder hören, sie hätten sich “eine Transsexuelle ganz anders vorgestellt”: die Erwartung ist Lorielle oder eine alberne Drag Queen, keine um Seriosität und Anerkennung als Frau bemühte Redakteurin. Kein Wunder, führen Transsexuelle in der öffentlichen Wahrnehmung doch vorwiegend ein puffig-schwüles Leben in einer schrägen Halbwelt zwischen Glitter, Prostitution und sexueller Obsession.
Das schafft zusätzliche, schwer zu überwindendende Hürden, egal, ob man sich um geschäftliche Zusammenarbeit, einen Job oder den Kontakt im Privaten bemüht.

“Transsexuell” ist ein Mensch, der so intensiv unter der Abweichung des gefühlten vom angeborenen Geschlechtes leidet, dass für eine dauerhafte Linderung dieses psychischen Leidens neben der sozialen auch, so weit wie möglich, die körperliche Angleichung erforderlich ist.
Die enge medizinische und juristische Abgrenzung des Begriffes “Transsexualität” von anderen Abweichungen von Geschlecht und Geschlechterrollen (wie etwa Transvestiten, Crossdresser oder Drags) hat für die Betroffenen einen guten Grund: sie stellt sicher, dass der Krankheitswert ihres Leidens anerkannt wird und damit Anspruch auf eine angemessene therapeutische Betreuung besteht.
Die meisten Transfrauen und -männer streben nach einem Leben als weitgehend unauffällige Frauen oder Männer – nicht als Berufstranssexuelle, und schon gar nicht als irgendwie perverse, abartige oder schäbige Sexobjekte.

Die Faktenlage mag Ihr Artikel richtig wiedergeben: im Umgang mit dem menschlichen Drama spielt er dagegen reisserisch mit genau den Emotionen und Vorurteilen, die große Teile der Bevölkerung noch immer mit dem Thema Transsexualität verbinden und die diese erst zum im mutmaßlichen Mord eskalierenden Skandal machen.
Ihr Bemühen um einen ironischen Schlußsatz ist mir keineswegs entgangen. Aber auch – und gerade – am Ende eines solchen Artikels ist es infam und zutiefst respektlos, Transsexuelle als schäbig zu bezeichnen.

Von den KollegInnen der schreibenden Zunft darf ich auch als Transsexuelle (genaugenommen: als Frau mit transsexueller Vergangenheit) die gleiche Sensibilität erwarten, die anderen von alltäglicher Diskrimierung betroffenen Menschen zusteht. Dies trifft insbesondere für Berichte aus einem Land zu, in dem Trans- und Intersexuelle weit weniger Akzeptanz erfahren als im Norden Europas, und in dem der Weg einer Transfrau zwangsläufig allzuoft nicht über die Krankenkasse, sondern über erniedrigendste Formen der Prostitution führt.

Mit freundlichen Grüßen
Valérie Vivienne Nitsche

PS: Ich bin auch kein “falsches” Mädchen…

9 Kommentare

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  1. Kim

    Hallo Valerie,

    “Ich bin auch kein ‘falsches’ Mädchen…”…

    warum schreibst du dann:

    ““Transsexuell” ist ein Mensch, der so intensiv unter der Abweichung des gefühlten vom angeborenen Geschlechtes leidet”… (Sprich: “ein Mann, der wie eine Frau fühlt”)

    und nicht: ich BIN eine Frau? Ein bisschen mehr Selbstcourage bitte.

    Liebe Grüsse

  2. Kim

    Wenn man schon einen Blog zum kommentieren hat, ist es nicht nett, wenn kritische Kommentare weggelöscht werden. Daher möchte ich dich nocheinmal folgendes fragen:

    “Ich bin auch kein “falsches” Mädchen…”
    (Ich im übrigen auch nicht)

    Warum schreibst du dann weiter oben:

    ““Transsexuell” ist ein Mensch, der so intensiv unter der Abweichung des gefühlten vom angeborenen Geschlechtes leidet”…

    …was ja in etwas bedeutet, ein “Mann (angeboren), der sich wie eine Frau fühlt (Abweichung)”, anstatt zu sagen: Ich BIN eine Frau? Und zwar damit ein ECHTES Mädchen, anstatt ein FALSCHES (“ein Mann, der wie eine Frau fühlt”)?

  3. Ulrich Drobig

    @Kim

    Weil sie Ihre geschlechtsangleichende Operation schon hinter sich hat und, soweit ich das lesen kann, einige ihrer Bemerkungen etwas hintergründig gemeint sind, damit man was zum Nachdenken hat.

    Wenn sie schreibt, sie wäre “kein falsches Mädchen”, dann meint sie damit, daß sie sowohl rechtlich als auch körperlich eine Frau ist, Basta. Und ich kann Dir versichern, daß sie eine Frau IST, und was für eine. Alles andere war nur als Anspielung auf ihre Vergangenheit gemünzt, was auch deutlich zu lesen war.

    MfG

  4. shabu

    würde mich echt interessieren ob und was die journalistin antwortet.

  5. Valerie

    Bis jetzt hat sie leider nicht geantwortet…
    @kim Warum ich nicht einfach sage: “Ich bin eine Frau”, wenn ich doch eine bin?
    Weil es, bei aller gefühlten und mit wachsender Lust gelebten Weiblichkeit eben doch Einschränkungen gibt, denen ich wie die meisten Menschen mit transsexueller Vergangenheit nicht ausweichen kann – schon gar nicht, wenn ich einen solchen Artikel mit einem Bezug auf meine eigene Transsexualität beantworte.
    Ich hab immer noch meine XY-Chromosomen, mein Hormonhaushalt ist künstlich und einseitig auf Östrogen eingestellt, viele Jahre Testosteron haben besonders in der Pubertät deutliche und nicht zu beseitigenden Spuren hinterlassen, und wieweit mein Denken und Fühlen wirklich weiblich ist, kann niemand entscheiden. Meine Biografie ist bis zu meinem Coming Out eine männliche, und ich kann und will die nicht leugnen. Ich bin nämlich verdammt stolz auf diesen verzweifelten Mann wider Willen, der, wenn auch spät, eine ebenso richtige wie mutige Entscheidung getroffen hat.
    Ich bin als Frau stark genug, zu meiner Vergangenheit zu stehen.

    “Therefore, as a free woman, I take pride in the words ‘Ich bin eine Frau’!” (mit posthumem Dank an JFK)

  6. Valerie

    PS: Danke, Uli! *knuddel*

  7. Ulrich Drobig

    @shabu

    Hallo shabu,
    leider kennen wir uns nicht persönlich, aber ich habe mit “einer Träne im Knopfloch” den Blog gelesen, den Du Valérie gewidmet hast. Ich habe mich deswegen riesig darüber gefreut, weil Du nicht von ihr verlangst, sich Dir gegenüber zu rechtfertigen für irgendetwas, sondern daß Du ihr viel Verständnis für Ihre Situation entgegen bringst. Seit ich mit ihr zusammen bin, habe ich schließlich auch einiges mitbekommen, was ihre Gefühle angeht. Ich muß sagen, mir ist selten ein Mensch begegnet, der so facettenreich ist, oder so vielschichtige Interessen hat oder auch sonst so interessant und trotz allem so liebenswert ist.

    Alles in allem muß ich sagen, daß sie mir bis heute unheimlich viel gegeben hat und dafür bin ich ihr sehr dankbar.

    Viele Grüße,

    Uli Drobig

  8. Xtina

    “…Dies trifft insbesondere für Berichte aus einem Land zu, in dem Trans- und Intersexuelle weit weniger Akzeptanz erfahren als im Norden Europas,…”

    Das ist etwas irritierend formuliert, die Akzeptanz der Regierung is hier sicher etwas schwieriger, allerdings wirst du als Transsexuelle in Italien im Gesellschaftlichen Leben weitaus weniger Probleme haben als in Deutschland, und das sage ich aus Erfahrung.

  9. Valerie

    Ich hab Deinen Beitrag nicht gelöscht, ich war nur noch nicht dazu gekommen, ihn freizuschalten. Ich hatte heute leider sehr wenig Zeit.
    Sorry…
    Ich hoffe, Du kannst auf eine Antwort deshalb auch noch einen Tag warten.

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