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Apr 07

Montag, 6. April: T -42 Tage (Vorbeben)

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In Italien verlieren vielleicht hunderte Menschen ihr Leben, und zehntausende Heim und Habe. Währenddessen denkt meine Mutter darüber nach, wie ich meinen Pony in den Griff bekomme. Von wegen “Schüttelfrisur”, wie meine Friseurmeisterin sie nannte, es ist gar nicht so einfach, als Frau gepflegt auszusehen. Überhaupt staune ich, wie wichtig mir mein Aussehen geworden ist.
Und dann möchte ich auch nicht aussehen wie ich als Hartz-IV-Empfängerin nach Ansicht einiger Zeitgenossen auszusehen habe, die meinen, mir ginge es noch zu gut.
Ich bin so stolz auf das was ich erreicht habe, und manchmal auch so wütend darüber, dass ich kaum noch eine Chance habe, aus Hartz-IV herauszukommen. Ich habe Angst davor, eines Tages tatsächlich so auszusehen wie einige Frauen, die ich kenne, die trotz guter Ausbildung und viel Ehrgeiz mit Mitte Vierzig keinen Job mehr bekamen und jetzt mit Ende Fünfzig schon in der Altersarmut enden.
Ob ich es jenseits der Grenze, vielleicht in den Niederlanden, in Dänemark oder Schweden versuchen sollte? Warum stehe ich noch so überzeugt hinter unserem marktwirtschaftlichen System, obwohl ich darin, wie so viele andere “ältere” Arbeitslose kaum noch mehr erreichen kann als Aushilfsjobs oder gelegentliche Aufträge als Freelancer?

Ich bin mal wieder zornig, würde die Kraft hinter dieser Wut gerne nutzen, so wie früher, um mich wieder aufzuraffen, zu kämpfen, nach Wegen zu suchen. Aber ich werde langsam müde und frage mich, wie oft ich noch aufstehen und wieder enttäuscht hinfallen muß, bis ich einsehe, dass das ein Wahnsinnsaufwand ist für Ziele, die nicht mehr die Meinen sein können. Ich wil keinen Wohlstand auf Kosten anderer und der Natur, was für mich ohnehin kaum noch mehr bedeuten dürfte als ein bescheidenes Einkommen knapp über Sozialhilfeniveau, und das auch noch um den Preis meiner Selbstachtung. Nicht mehr dieses Gequatsche von “Eigenverantwortung” von Politikern und Managern hören zu müssen, die dabei nicht an Kants “Sapere aude!” denken, sondern an meine Bereitschaft, mich billigst als “Humankapital” und unter diskriminierenden Bewertungen meines Marktwertes ausnutzen zu lassen, das ist mein Traum.

Und sonst? Der Termin kommt ins Blickfeld. Es ist so, wie ich auch die ersten Anflüge von Reisefieber vor einer lange geplanten Fahrt erlebe: überlegen, was man mitnimmt, ein bisschen träumen, wie es sein wird, dabei Herzklopfen – aber noch keine ernsthaften Vorbereitungen. Und dann sind sie endlich da, diese ersten Momente von Aufregung vor dieser so großen Sache in meinem Leben, die so plötzlich kommen wie ein Vorbeben.

Vorbeben.

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